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Der Bauch als Kompass

Der Bauch als Kompass
Lars Martinsen weiß, was eine Wirtschaftskrise ist und wie man mit ihr fertig wird. Als ein großer Kunde von heute auf morgen alle Druckaufträge nach Ostasien verlagert, stampft der geschäftsführende Teilhaber von Moltzau kurzentschlossen ein neues Geschäftsmodell aus dem Boden. Dank neuer Maschinen und einem ausgesuchten Team von Experten zählt die kleine Druckerei am Stadtrand von Oslo inzwischen zu den führenden Verpackungsdruckern Norwegens.

Große Geschichten handeln meistens von Menschen, denen das Leben einen Streich spielt, die sich trotzig oder clever gegen das vermeintliche Schicksal aufbäumen, von den Guten, die am Ende gewinnen. Dies hier ist so eine Geschichte. Sie handelt von Moltzau Plasttrykk AS, einer kleinen Druckerei in Norwegen und beginnt in Oslo, genau gesagt im Konferenzraum von Moltzau. Auf dem Tisch stehen Kaffeekannen und zwei Tabletts, auf denen Brote mit Rentierschinken, Lachs, Rührei, Salat und Fruchtstücken liegen. Die Tür geht auf, ein jüngerer Mann in Pullover und ausgewaschenen Jeans kommt herein und schaut lächelnd in die Gesichter der bereits Anwesenden: "Hallo, ich bin Lars."

Lars ist 38 Jahre und heißt mit vollem Namen Lars Christian Martinsen. Aber Nachnamen sind bei Moltzau nicht so wichtig. Alle nennen sich beim Vornamen: Liese, Christin, Kenneth, Terje, Øystein, die anderen und natürlich Lars, der "einfach nur Lars" sagt, wenn man ihn mit "Herr Martinsen" anspricht. Lars Martinsen ist Geschäftsführer der 1892 gegründeten Druckerei und mit einem Anteil von 34 Prozent der größte Gesellschafter im operativen Geschäft. Vor allem aber ist Lars Martinsen der Mann, der Moltzau neu erfunden hat, als ihnen allen das Wasser bis zum Hals stand, weil ein Großkunde seine Druckaufträge aus Kostengründen lieber in Asien produzieren lassen wollte. Von heute auf morgen standen damals alle Maschinen still, denn dieser große Kunde war nicht nur der wichtigste Kunde von Moltzau. Er war der Einzige.

Immer dem Bauch nach. Natürlich sind jedem Unternehmer mit nur einem Kunden die damit verbundenen Risiken jederzeit bewusst. Trotzdem ist ein Kunde immer noch besser als gar keiner. Und im Umgang mit Risiken hat Lars Martinsen seine eigene Philosophie. "Ich verlasse mich auf den hier", sagt er und klopft sich auf den Bauch. So war es auch 1998. Damals steckt der norwegische Druckmarkt mitten in einer tiefen Krise, und nur wenige Druckereien verdienen Geld. Moltzau verdient überhaupt kein Geld. Als dann endlich ein Kunde an die Tür klopft, überlegt der Geschäftsführer nicht lange und investiert umgerechnet 150 000 Euro in neues Equipment, um Klebeetiketten für Zahnbürstenverpackungen aus Plastik zu drucken und zu stanzen. "Als die Vorbereitungen auf den neuen Druckjob liefen, sagte uns jeder, dass wir bis zum nächsten Osterfest pleite sein würden, weil das ganze Unterfangen viel zu gefährlich sei", erinnert sich der gelernte Drucker. "Wir haben uns trotzdem darauf eingelassen und viel Geld damit verdient. Wir hatten wirklich ein paar gute Jahre."

Anfang 2004 ist es mit den guten Jahren vorbei. Zwar kann Moltzau ein paar kleinere Kunden gewinnen, als die Produktion verlagert wird. Trotzdem laufen die Geschäfte mehr schlecht als recht. Wegen der hohen Lohnkosten und Preise in Norwegen wenden sich immer mehr Auftraggeber günstigeren Dienstleistern im Ausland zu. Zudem werden die für den Druckmarkt negativen Folgen des Internet immer deutlicher spürbar. Und noch etwas macht Moltzau zu schaffen: "Wir produzierten in dieser Zeit alles Mögliche - kleinere Zeitungen und Zeitschriften, Flyer, Drucke auf Kunststoff - aber genau darin lag auch unser Problem: Wir hatten einfach keine Identität und waren deshalb für potenzielle Neukunden so gut wie unsichtbar", sagt Martinsen.
Den vollständigen Artikel finden Sie in der Ausgabe 269 der Heidelberg Nachrichten. Das Magazin steht Ihnen als pdf-Dokument über die Download-Box rechts oben zur Verfügung.

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