Gestärkt aus der Krise!
Die Heidelberg Nachrichten sprach mit Werner Albrecht (58), seit
2004 Vorsitzender der Geschäftsführung der Heidelberger
Druckmaschinen Vertrieb Deutschland GmbH und Leiter des Market
Centers Deutsch- land/Schweiz, über die deutsche Druckbranche
und ihre größten Herausforderungen und Chancen.
Herr Albrecht, wie sehen die wichtigsten Eckdaten für den
Druckmarkt in Deutschland aus?
Werner Albrecht: Die deutsche Druckbranche zählt zu den
leistungs- fähigsten und größten Druckindustrien der
Welt. Für Heidelberg ist Deutschland in den Jahren 2005 und
2006, was den Umsatz betrifft, der Markt Nummer eins weltweit.
... trotz der wirtschaftlich turbulenten letzten vier Jahre?
Werner Albrecht: Ja, denn selbst nach der Rezession der
letzten vier Jahre zählen wir in Deutschland immer noch circa
11.500 Druckereien. Das sind zwar rund 4.000 Betriebe und fast
40.000 Mitarbeiter weniger als 2001, allerdings darf man nicht
vergessen, dass hierfür - neben Insolven- zen - auch
Geschäftsaufgaben und Übernahmen verantwortlich waren.
Von den verbliebenen 11.500 Unternehmen sind etwa 1.300 dem indus-
triellen Sektor zuzurechnen. Diese beschäftigen mit
ungefähr 100.000 mehr als die Hälfte der insgesamt
180.000 Mitarbeiter der hiesigen Druckbranche. Zugleich decken sie
gut zwei Drittel des gesamten deutschen Druckvolumens ab. Der Wert
der gesamten inländischen Druckproduktion liegt in diesem Jahr
bei knapp 18 Milliarden Euro. Das entspricht einem Anteil von gut
13 Prozent an der europäischen oder etwa fünf Prozent an
der globalen Druckproduktion.
Ist denn der berühmte Silberstreifen am Horizont bereits zu
sehen?
Werner Albrecht: Mehr als nur der Silberstreifen, denn
ich sehe die Chance, dass sich Neugründungen und
Schließungen in der Branche in diesem Jahr bereits die Waage
halten werden. Die Neugründungen freuen mich natürlich
besonders, zeigen sie doch, dass Menschen in diesem Handwerk eine
Chance für die Zukunft sehen - allen Unkenrufen zum Trotz.
Welche Erkenntnisse lassen sich aus den letzten vier Jahren
gewinnen?
Werner Albrecht: Auch in der Krise erweist sich die Struktur
der Druckbranche als erstaunlich stabil. Das sieht man daran, dass
sich der Anteil der kleineren Betriebe im Zeitverlauf kaum
ändert - und dies wohlgemerkt nicht nur in Deutschland.
Hierzulande liegt dieser aktuell bei über 80 Prozent und
bewegt sich damit in Regionen wie schon vor zehn oder 30 Jahren,
vor und nach den wirtschaftlichen Hoch- und Schwäche-
phasen, die es in diesem Zeitraum gab. Bei den großen
Druckereien fand in den letzten vier Jahren zwar eine Konzentration
statt - mit anderen Worten: Die Großen wurden noch
größer. Doch profitieren die kleinen Druckereien offenbar
von ihrer hohen Flexibilität. Sie entwickeln zu jedem
Zeitpunkt alternative Geschäftsmodelle, um sich gegen die
industriellen Druckereien erfolgreich zu behaupten.
Kann sich eine große Druckerei nicht viel leichter durch
die wirtschaftliche Krise manövrieren als ein kleiner
Betrieb?
Werner Albrecht: Nein, denn gerade große
Druckereiunternehmen "leiden" auch unter ihrer
Spezialisierung und Ausrichtung auf hohe Laufleistungen. In einer
wirtschaftlichen Schwächephase stellt dann eine fehlende
Auslastung angesichts hoher Maschinenkosten schnell ein ernsthaftes
Problem dar. Typische Akzidenzen in eher niedrigen Auf lagen
können von kleineren und regional ausgerichteten Druckereien
oft besser bearbeitet werden, zumal hier auch die Kundennähe
eine wichtige Rolle spielt. Die enge Kundenbindung, gepaart mit
einer breiten Kundenbasis, sichert diesen Betrieben auch in
schwierigen Zeiten ihr Auskommen.
Kann man denn vom typisch deutschen Drucker sprechen?
Werner Albrecht: Den typisch "deutschen"
Drucker oder Druckmarkt gibt es nicht mehr, genauso wenig wie es
einen typisch französischen oder englischen Drucker gibt. Die
Druckereien in Frankreich sehen in der Regel so aus wie in England,
Deutschland oder auch in Polen. Die Druckbranche ist
europäisch geworden. Dabei sind das eigentlich
Überraschende nicht die Europäisierung oder
Internationalisierung, die Übernahmen und Zusam-
menschlüsse, sondern die Tatsache, dass die Struktur der
Branche überall in Europa identisch ist: Etwa 80 Prozent der
Betriebe haben weniger als 20 Beschäftigte. Ich spreche daher
lieber von der typisch europäischen Druckerei. Eine solche
Druckerei ist in der Regel ein mittelständischer Betrieb, der
zwischen 15 und 20 Mitarbeiter beschäftigt und in zwei
Schichten mit einer Vierfarbenmaschine im Mittelformat und
vielleicht einer kleinformatigen Druckmaschine produziert. Das
Unternehmen verfügt über eine eigene Vorstufe mit CtP
sowie eine Weiterverarbeitung mit Schneide- und Falzmaschine und
bietet den Kunden die ganze Bandbreite des Leistungsspektrums an,
ist also nicht auf bestimmte Produkte spezialisiert.
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