Kein Hindernis für Qualität
Kann eine kommerzielle Druckerei in einer Einrichtung für
Behinderte erfolgreich arbeiten? Sie kann, wie das Beispiel des
Wohn- und Bürozentrums für Körperbehinderte (WBZ) im
schweizerischen Reinach zeigt.
Der Drucksaal unterscheidet sich nicht im Geringsten von dem
einer herkömmlichen Druckerei. Es ist sauber, aufgeräumt
und angenehm hell; auf einer Fünffarben Speedmaster SM 52 wird
gerade das Periodikum eines Verbands mit einer Auflage von 70.000
Exemplaren produziert; währenddessen druckt ein 40 Jahre alter
Tiegel einfarbig schwarz Preis- und Mengenangaben auf Etiketten
für die "Weihnachts-Guetzli" eines großen
Schweizer Handelskonzerns.
Qualifizierte Arbeitsplätze ohne Alibifunktion
Urs Kleiner arbeitet erst seit ein paar Wochen hier. Vier
Jahre lang war der Drucker zuvor arbeitslos - in einem Land wie der
Schweiz mit nahezu Vollbeschäftigung eher eine Seltenheit. Der
Grund: Kleiner ist behindert, auch wenn man es ihm kaum ansieht.
Ein schweres Rückenleiden hatte ihn aus der Berufsbahn
geworfen. Dabei wollte der 58-Jährige stets arbeiten und nicht
nur zu Hause untätig herumsitzen. Wer aber stellt schon
jemanden ein, der kurz vor dem Rentenalter steht und dazu
körperlich nicht wirklich fit ist?
Dass er jetzt wieder an einer Druckmaschine stehen kann, hat
er dem Wohn- und Bürozentrum für Körperbehinderte
(WBZ) in Reinach vor den Toren Basels zu verdanken. Das Zentrum,
vor gut 30 Jahren von Körperbehinderten als Stiftung
gegründet, definiert sich nicht als typische
Behindertenwerkstätte. "Wir bieten hier den meisten
Mitarbeitern nicht etwa eine Beschäftigungstherapie mit
Alibi-Arbeitsplätzen", betont Geschäftsführer
Stephan Zahn. "Sondern wir fördern und fordern
qualifizierte Arbeitsplätze für qualifizierte Mitarbeiter
mit einer Körperbehinderung." Für Menschen wie Urs
Kleiner beispielsweise. Früher war er in privaten Druckereien
mit großen Formaten beschäftigt, hat dabei häufig
schwer gehoben und sich die Probleme mit dem Rücken zugezogen.
Die Druckerei im WBZ arbeitet ausschließlich im kleineren
Format 35 × 50 Zentimeter, das sich einfach handhaben
lässt.
Das Zentrum bietet insgesamt 120 Behinderten eine
Wirkungsstätte, rund 70 von ihnen wohnen auch dort. Die
Beschäftigten werden zu Marktpreisen entlohnt, ihre Leistungen
ebenfalls nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage am freien Markt
abgesetzt. Körperbehinderte WBZ-Mitarbeiter verwalten
Datenbanken und bereiten Adressen für Mailingaktionen auf, sie
betreiben Buchhaltung und machen Steuererklärungen, sie
managen auf dem WBZ-Campus ein öffentliches Restaurant sowie
einen Partyservice - und sie drucken.
Jobmaschine Druckereibetrieb
Im grafischen Servicezentrum arbeiten 37 Menschen, nicht
alle davon sind behindert. "Den klassischen
Querschnittgelähmten im Rollstuhl findet man an einer
Druckmaschine nicht", dämpft Druckereileiter Bruno Planer
allzu hohe Erwartungen. "Es kann ihn auch gar nicht geben,
schon allein aus Gründen der Arbeitssicherheit." Planer
würde in seinem Zentrum zwar gerne noch mehr
körperbehinderte Drucker beschäftigen, aber Kandidaten
mit der entsprechenden Qualifikation sind in der Schweiz rar:
"Es ist bei uns einfach schwierig, einen Behinderten mit einer
Druckerausbildung zu finden."
An den Druckmaschinen ist Urs Kleiner daher im Augenblick der
einzige Behinderte, hinzu kommen zwei Nichtbehinderte und eine
Aushilfe. "Mit dem Druckbereich generieren wir aber
Arbeitsplätze für Behinderte sowohl in der Vorstufe als
auch in der Weiterverarbeitung", verdeutlicht Bruno Planer die
Strategie. In der Vorstufe verdienen fünf behinderte
Kolleginnen und Kollegen ihren Lebensunterhalt, in der
Weiterverarbeitung sogar fast 20.
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Wohn- und Bürozentrum für Körperbehinderte
Weitere Informationen zum Zentrum finden Sie hier. Homepage