"Verpackungen müssen höflicher werden"
Seit 1985 unterstützt das Meyer-Hentschel Institut
Unternehmen und soziale Dienstleister bei der Anpassung ihrer
Produkte und Services an den demografischen Wandel. Welche
besonderen Ansprüche die Zielgruppe "60+" an
Verpackungen stellt und wie Druckereien ihre Kunden bei der
Umsetzung unterstützen können, erläutern die
Institutsgründer Dr. Hanne Meyer-Hentschel und Dr. Gundolf
Meyer-Hentschel im Gespräch.
Frau Dr. Meyer-Hentschel, Sie empfehlen Unternehmen, beim
Design ihrer Produkte und Verpackungen stärker auf die
Bedürfnisse von älteren Menschen zu achten. Ist der
Jugendkult am Ende?
Dr. Hanne Meyer-Hentschel: Nein, ganz so weit ist es noch
nicht. Aber es stimmt, dass immer mehr Unternehmen die Relevanz des
Themas erkennen und aktiv werden. Das sollten sie auch. Immerhin
leben beispielsweise in Europa heute rund 100 Millionen Menschen,
die 60 Jahre und älter sind. In sieben Jahren werden es schon
115 Millionen sein. Diese schnell wachsende Zielgruppe hat eine
gewaltige Kaufkraft - wir reden hier über rund 100
Milliarden Euro frei verfügbares Einkommen allein in
Deutschland. Um diese hochinteressante Zielgruppe herum formiert
sich derzeit ein enormer Wettbewerb, der dramatisch an Härte
zunehmen wird. Das ist die eine Seite, und damit komme ich zu Ihrer
Frage: Denn auf der anderen Seite gibt es beim Seniorenmarketing
immer noch allerhand zu tun, auch beim Packaging. Wir wissen heute,
dass über 90 Prozent aller Verbraucher über 60 Jahre
Probleme beim Öffnen von Verpackungen haben. Das heißt:
Nach wie vor stehen jüngere Konsumenten im Fokus. Die
Anforderungen von älteren Menschen werden dagegen nur
unzureichend berücksichtigt.
Worauf legt die Zielgruppe 60+ bei Verpackungen besonders
großen Wert?
Dr. Hanne Meyer-Hentschel: Eine ganz wichtige Rolle am
Point of Sale spielt die Identifizierbarkeit von Produkten:
Ältere Menschen wollen möglichst schnell erkennen, ob sie
zum Beispiel ein Shampoo oder eine Pflegespülung vor sich
haben. Da diese Produkte meist sehr ähnlich aussehen, lassen
sich die Sortenunterschiede nur über die Produktbeschreibung
erkennen. Deshalb sind auch eine gute Lesbarkeit und klar
verständliche, sachliche Informationen wichtig. Nach dem Kauf
rücken andere Faktoren in den Vordergrund: Lässt sich die
Verpackung leicht öffnen und wieder verschließen? Kann
der Inhalt problemlos entnommen oder portioniert werden? Insgesamt
dominieren also eher funktionale Aspekte, die darüber
entscheiden, ob sich ein Verbraucher mit dem Produkt wohlfühlt
oder nicht.
Dr. Gundolf Meyer-Hentschel: Wir bringen das gerne auf die
Formel: "Verpackungen müssen höflicher werden."
Eine Schachtel, die Probleme beim Öffnen bereitet,
konfrontiert die Generation 60+ mit den Einschränkungen des
Alters. Das ist unhöflich. Denn sie vermittelt das Feedback:
"Bei dir stimmt etwas nicht." Innovative Unternehmen
haben hier enorme Möglichkeiten. Solange sich alle Anbieter
einig sind und schwer lesbare Etiketten haben, herrscht im
Wettbewerb natürlich eine Pattsituation. Aber sobald einer
kommt, der die Sorten unterscheidbar macht, der gut lesbare
Etiketten hat, dessen Produkte leicht zu öffnen und wieder zu
verschließen sind, der gewinnt diese Kunden - ganz
einfach, weil sie sich beim Einkauf und danach mit diesen Produkten
wohlerfühlen.
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