Wanderer zwischen den Welten
Adef, Ukraine - Sein Land war sozialistisch, dann
kapitalistisch. Er war Doktor der Strahlenphysik, dann
Druckereichef. Er litt unter Produktpiraten und
"spionierte" im Westen. Igor Shpak aus Kiew hat viel
erlebt. Derzeit produziert seine Druckerei ADEF eine Bibel, auf die
alle Präsidenten der Ukraine ihren Amtseid schwören.
Wenn man zum ersten Mal in seinem Leben ins kalte Wasser
geworfen wird, gibt es nur noch "entweder - oder":
entweder stillhalten und untergehen oder ganz schnell schwimmen
lernen. Igor Shpak hat sich für das Schwimmen entschieden: Als
der Sozialismus in seiner ukrainischen Heimat zusammenbricht, gibt
er einfach ein Buch zum Thema Investitionen heraus.
Schließlich, so dachte sich Igor Shpak, würde
Managementliteratur in einer jungen kapitalistischen Wirtschaft so
gefragt sein wie Nägel beim Hausbau.
Eigentlich kein schlechter Gedanke. Nur hatte der Ukrainer
nicht mit den Schattenseiten der neuen Wirtschaftsordnung
gerechnet: "Gerade als wir das Buch veröffentlichen
wollten, stellten wir fest, dass bereits eine Piratenauflage im
Umlauf war", erinnert sich Shpak.
Mitarbeiter einer von ihm beauftragten Druckerei hatten
einzelne Kapitel des Buchs heimlich hinausgeschmuggelt - ein herber
finanzieller Verlust für den angehenden Verleger. Was sollte
Shpak tun, um künftige Buchprojekte abzusichern? Die Druckerei
wechseln und auf ehrliches Personal hoffen? Der Mann aus Kiew hat
eine bessere Idee: Er kauft eine alte Druckmaschine und druckt
seine Bücher einfach selbst. Das war im Oktober 1995.
Neuer Standort für 2 Millionen Euro.
Damals hätte sich Shpak nicht träumen lassen, dass
er einmal eine der modernsten Druckereien in der Ukraine leiten
würde. Immerhin stehen bei ADEF heute 130 Mitarbeiter in Lohn
und Brot, bald sollen es sogar 180 sein. "Wir haben ja
inzwischen reichlich Platz", sagt Shpak, der erst vor kurzem
mit seinem Betrieb umgezogen ist und dafür rund 2 Millionen
Euro in die Hand nahm. Das neue Firmengelände liegt rund 34
Kilometer westlich von Kiew und ist gut ein Hektar groß. Der
im Januar 2007 fertiggestellte Produktionsbereich bringt es auf 1
500 Quadratmeter.
Weitere Fertigungshallen sind geplant. Der Umsatz der auf
Bücher, Zeitschriften und Akzidenzen spezialisierten Druckerei
ist jetzt schon beachtlich: 1,3 Millionen Euro waren es 2007.
Physiker auf neuen Wegen.
Dabei deutet lange Zeit absolut gar nichts auf eine
Druckerkarriere von Igor Shpak hin. Die meiste Zeit seines Lebens
wandelt der heute 60-Jährige als Wissenschaftler auf den
Spuren von Albert Einstein. Ein Vierteljahrhundert unterrichtet er
an der Radiophysischen Fakultät der Kiewer Universität.
Shpaks Spezialgebiet ist die Quantenelektronik, seine Dissertation
beschäftigt sich mit Albert Einsteins spezieller
Relativitätstheorie. Ende 1991 sorgt dann der Zerfall der
Sowjetunion für ein politisches Erdbeben, das auch die Welt
von Igor Shpak erschüttert: "Es war furchtbar. Einige
Professorenkollegen hielten sich über Wasser, indem sie auf
Märkten Obst und Gemüse verkauften. Andere gingen ins
Ausland", sagt Shpak.
Er selbst verlässt die Universität auf eigenen
Wunsch, während die Inflation jeden Tag eine neue Rekordmarke
erreicht: Für sein letztes Gehalt kann er sich noch vier Kilo
Bananen kaufen.
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